Wie Matthäus schreibt auch Lukas im Evangeliar von Maria ad Gradus am Text des Evangeliums. In gespannter Aufmerksamkeit richtet er sein Antlitz auf die Zeile, an der er arbeitet. Das Wort, an dem er schreibt, ist unfertig. Doch ist der Schrifttext bereits vollständig eingetragen, es fehlt kein einziges Schriftzeichen sonst, auch dort nicht, wo Arm und Hände Teile der Zeilen verdecken.
Der Betrachter soll mit dem Evangelisten lesend das unfertige Wort vervollständigen! Geringfügige Kenntnis des Evangeliums reichte aus, das unscheinbare Wort zu ergänzen, das sich als Zentralwort erweist: Es bezeichnet die Tätigkeit aller Augenzeugen des Lebens Jesu, die Gott zu "Dienern des Wortes" (!) berufen hat, damit sie aufschreiben, 'was sich zugetragen hat unter denen, die von Anfang an und bis über die Auferstehung hinaus Zeugen der Ereignisse' des Lebens und Sterbens Jesu und seiner Auferstehung waren. Diese Tätigkeit wird als 'Ordnen' verstanden, als verantwortliches 'Zusammenfügen nachprüfbarer Einzelheiten zu einem wahrheitsgetreuen Ganzen', als Entscheidung über das richtige 'Nacheinander', das zuverlässige Kenntnisse weitergibt - auch von unterschiedlichen Sehweisen, in denen die Ereignisse von anderen Zeugen gesehen wurden. Lukas beschreibt am Beginn seines Evangeliums, was er und andere Zeugen des Lebens Jesu als ihren Auftrag verstanden haben. Ihr Dienst heißt 'ordinare', 'verläßliches Ordnen' des Geschehenen. Die Substanz, die Wahrheit ihres Berichtes, ist vorgegeben. Die Evangelistensymbole, die beschriebene Schriftrollen aus dem Himmel herbeitragen, erklären als Deutezeichen, wie das Evangelium entsteht: In der Kraft göttlicher Inspiration und dieser Inspiration gehorsam vermögen die vier Evangelisten einen verläßlichen, wahrheitsgetreuen Bericht zu schreiben. Der Maler des Evangeliars Maria ad Gradus zeigt sie als Kooperatoren Gottes, ihrer Zuständigkeit ist gewissermaßen die 'äußere Sprachrichtigkeit' übertragen, die 'Lesbarkeit' der Botschaft. Deren Inhaltssinn kommt von Gott. Eindrucksvoll deutet das unfertige Wort ‚ordi(nare)'- ord(nen) diesen Tatbestand an.
Auch die bizarre Position des Stiers im Gebälk der Architektur - des Evangelistensymbols - bezeichnet den Sinnbildcharakter der Miniatur: Verfangen hängt er in der Höhe - in tödlicher Position, ein Opfertier, Bild der Ausgeliefertheit, der Schlachtung, des Opfers. Er symbolisiert Christi Tod.


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