Das Antlitz des Markus ist das ausdruckvollste in den Evangelisten-Miniaturen von Maria ad Gradus. Markus nimmt die Schriftrolle zwar entgegen und hält sie gemeinsam mit dem Löwensymbol. Aber er schaut über die beschriftete Rolle hinweg auf den Löwen selbst. Der wendet sich ihm wie in einem gewaltigen Gebrüll zu. Für den Evangelisten hat diese scheinbare Aggressivität jedoch nichts Bedrohliches. Geradezu erwartungsvoll blickt er den Löwen mit weit geöffneten Augen an. Der Grund des ganz und gar furchtlosen Schauens ist die Symbolbedeutung des Löwen: Er wird nicht als Raubtier wahrgenommen - dem Realsinn des Wortes gemäß, er ist Symbol - der Auferstehung. Seit frühchristlicher Zeit ist diese Bedeutung literarisch überliefert und weitbekannt. Sie besagt, die Löwin bringe ihre Jungen tot zur Welt. Nach drei Tagen jedoch erwecke der Löwe sie aus dem Tod zum Leben. Wenn er mit gewaltigem Brüllen den Hauch seines Atems über die toten Jungen stoße, öffneten sie ihre Augen und zeigten so den Beginn ihres Lebens an.
In der Bildsprache dieser noch im Mittelalter allgemein bekannten Überlieferung hebt der Maler hervor: Die Hoffnung auf Auferstehung ist die bedeutendste Botschaft des Evangeliums. Der Mensch wird zwar sterben. Aber wie Christus nicht im Tode blieb, wird auch der Mensch nicht im Tode bleiben, sondern durch den Tod hindurch zur Auferstehung gelangen, zu einem neuen Leben. In dieses Leben wird Christus ihn hineinverwandeln. Es wird keine Klage mehr geben und keinen Schmerz.
Hoffnungsvoll hält Markus sein Antlitz dem Anhauch des Löwen entgegen. In dem so entstehenden neuen Zusammenhang wächst dem Löwen aus alttestamentlicher Überlieferung her ein zweiter Symbolsinn zu: Er bezeichnet den siegreichen Christus.
Von IHM - Christus - erwartet Markus das neue, verwandelte Leben. Die Kraft der Verwandlung geht schon vom 'Hören' des Evangeliums aus. - Markus hört.


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