Matthäus schreibt sein Evangelium! In unmittelbarer Nähe zu den Miniaturen des Gerresheimer Evangeliars (Tag 1 - 5) entstanden die Bilder für das Evangeliar von Maria ad Gradus. Beide Evangelienbücher wurden in nahezu gleichem Zeitraum in Köln hergestellt. Die Ideenkonzepte ihrer Miniaturen sind jedoch völlig verschieden.
Ehrfurchtgebietend und in fürstlicher Haltung sitzt Matthäus vor der illusionären Kulisse eines Kirchenbaus an einem nicht realen Ort, der ein Heiligtum andeutet. Aus der Höhe eines Bogenfensters stürzt kraftvoll ein Engel auf ihn zu - sein Evangelistensymbol - und übergibt ihm mit sprechenden Minen und Gesten eine voll beschriebene Schriftrolle. Auf ihrer gesamten Länge ist der Beginn der Liste mit den Vorfahren Jesu zu lesen. Der Engel und Matthäus halten die Rolle gemeinsam ausgebreitet, und auf dem frei schwebenden Schriftstück zeichnet Matthäus den Text nach, der schon vollständig eingetragen ist. Der Evangelist sitzt in einer Haltung voll Würde, sein Antlitz ist geisterfüllt - er ist ein Erleuchteter. Während er mit seinen Schriftzeichen Wort für Wort die Botschaft bestätigt, die er bereits auf der Schriftrolle vorfindet, hört er dem sprechenden Engel zu.
Große Ruhe geht von Matthäus aus. Die Szene vermittelt dem Betrachter den Eindruck, sie halte ein Ereignis von außerordentlicher Bedeutung fest. Indem der Evangelist der Stimme Gottes aus der Höhe uneingeschränktes Gehör schenkt und genau das tut, was sie ihm sagt, trägt er bei zur Entstehung der Frohen Botschaft, des Evangeliums. Es ist Gottes-, nicht Menschenwort.


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