Die Szene ist unmißverständlich zu identifizieren, dennoch erhält sie innerhalb der Miniatur eine Beschriftung. Hieronymus' Anteil am Entstehen des Evangeliums soll gewürdigt werden: Überragend und segensreich hat er als "Schreiber und Übersetzer des Göttlichen Gesetzes gewirkt", indem er eine Übersetzung anfertigt, die möglichst nah am Sinn des Urtexts bleibt und ihn verständlich macht. Der Gehilfe des Hieronymus, der schreibend vor ihm sitzt, wird sein 'notarius' genannt: ein Sekretär und Spezialist im Schnellschreiben.
Ohne in das Evangelienbuch zu schauen, das er geschlossen vor seiner Brust hält, diktiert Hieronymus seine Übersetzung. Das heißt, der Maler stellt ihn als hochgebildeten Gelehrten vor - 'pater' Hieronymus, den Kirchenvater, der den Text des "Göttlichen Gesetzes" - d.h. der gesamten Bibel (!) - auswendig kennt. Bedeutende Theologen, die über solch herausragende Kenntnisse verfügten, waren bis ins 13. Jahrhundert hinein bekannt und z.T. namentlich zu benennen.
Dem Leser, dem Betrachter des Evangelienbuchs wird Hieronymus also als hochqualifizierter Gelehrter mit einem kompetenten Mitarbeiter in einer Schreibwerkstatt vorgestellt - beide als Diener in nüchterner Arbeit an einem vorgegebenen Text, dessen Sinn Lesern lateinischer Sprachzugehörigkeit verständlich werden soll. Sie arbeiten im Eingangsbereich einer hochaufragenden romanischen Kirche - beinahe im Gotteshaus - in Gottes Nähe. Wie sich erst später zeigen wird, demonstriert der Maler mit ihrer Miniatur sehr bewußt: Sie dienen dem Evangelium als Sprach- und Schreibspezialisten - verantwortungsvoll, mit hohem Einsatz und in Frömmigkeit. Das ist ihr Verdienst - und ihre Grenze zugleich.
In diesem Dienst wird Hieronymus zum Heiligen werden.


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