Die Vorstellung, das Mysterium der Gottesgegenwart im Wort des Evangeliums mache das Evangelienbuch gleichsam zum 'Gotteswagen' und zu Gottes 'Thron', ist seit der Mitte des zweiten Jahrhunderts schriftlich überliefert. Das Bild des majestätisch thronenden Christus am Bucheingang illustriert diese Bildvorstellung. Es stützt sich auf das Schriftwort: "Der Himmel ist mein Thron, die Erde der Schemel meiner Füße" (Is 66,1 und Apg 7,49), das auf die Frage nach dem 'Wohnort' Gottes antwortet, nach dem 'Ort', an dem er 'ausruht' (!): Isaias überliefert es und ergänzt: "Ich schaue auf den, der Ehrfurcht vor meinem Wort hat" (66,2). Bei ihm 'ruht Gott aus' ! Der Martyrer Stephanus zitiert es vor seiner Steinigung in einer großen Bekenntnisrede: Er bezieht es auf Christus, den Gesandten des ewigen Gottes, den 'Menschensohn', dem das Gericht über die Welt übergeben ist (Apg 7,56 u. Dan 7,13ff.).
IHM, den Stephanus bekennt, begegnet der Betrachter in der majestätischen Christusgestalt am Beginn des Evangeliars von Maria ad Gradus: dem Urheber alles Geschaffenen, dem, der in höchster Autorität das letzte Wort über die Welt sprechen wird. Sein Blick durchdringt alles, seine Ohren hören alles, vor allem sind sie - auffallend hervorhoben - Zeichen seines eigenen Hörens auf die Stimme des Vaters im Himmel. Von IHM empfängt ER, der Sohn, hörend, was er den Menschen künden soll: die Liebe des ewigen Gottes, des Allmächtigen. Er will alle Menschen wissen lassen, daß seine Güte und Gerechtigkeit verläßlich sind.
In größter Nähe des Thronenden sind die Evangelisten in ihren Symbolen gegenwärtig gesetzt und die alttestamentlichen Propheten Isaias, Jeremias, Ezechiel und Daniel - sie alle begnadete Hörer seines Wortes und Sehende, jeder ein eigenständiger Zeuge des Christus-Messias. Die Propheten scheinen in ihren Schriftrollen zu überprüfen, ob Jesus der verheißene Christus ist, oder ob auf einen anderen zu warten ist - und sie erkennen IHN.
Der in den Himmeln thronende Christus am Eingang des Evangeliars ist derselbe, der über dem 'Thronwagen Gottes' seine Stimme vernehmen ließ. Er macht das Evangelienbuch 'zum Schemel seiner Füße' und zum 'Gotteswagen'. Allen, die ihn suchen, will er sich von dort her offenbaren, ER selbst - der Auferstandene! Mit dieser Verheißung empfängt das Evangeliar den Leser des Evangeliums.


Hauptseite    voriger Kalendertag    nächster Kalendertag    letzter Kalendertag