Die vier Evangelisten gliedert das Rabbula-Evangeliar in den Schmuck der sog. Kanontafeln ein: Vielfach als Portale geschmückt - nehmen die Tafeln in jedem Evangelienbuch die Tabellen des Eusebius auf und stellen die Parallelstellen der Evangelisten und ihre je eigene Überlieferung übersichtlich dar. Das Rabbula-Evangeliar dehnt diese Tafeln extrem aus - auf 19 Seiten. Dabei entsteht eine Doppelseite, die auf der rechten Seite die Parallelstellen des Matthäus und Johannes (im Bild) enthält, links die Parallelstellen von Markus und Lukas (s.u.). In diese Tafeln werden in bemerkenswerter und sonst unbekannter Weise die Bilder der gleichnamigen Evangelisten einbezogen:
Man ersetzt die tragenden Außensäulen der Arkaden durch einen kleinen Sakralort, an dem jeder Evangelist seinem Dienst nachkommt. Matthäus und Johannes halten Textausschnitte ihrer Evangelien auf dem Schoß, Markus und Lukas das gesamte 'Vierevangelium' auf verhülltem Arm. Sie sind Lehrer dessen, was sie von den Augenzeugen des Lebens Jesu übernommen haben.
Diese Doppelseite, die dem Anschein nach künstlerisch weniger gelungen ist, macht gerade in diesen 'Mängeln' ihres Baus zwei Aussagen von besonderem theologischen Gewicht: Alle Evangelisten sind an 'Orte' gestellt, an denen sie die Rolle tragender 'Säulen' zu erfüllen haben. Dennoch ist offensichtlich: Die sakrale 'Nische', von der her sie ihren Dienst tun, und auch sie selbst sind nicht gerüstet, dem 'Bauwerk' Stabilität zu geben, als dessen 'Säule' wirksam zu sein sie eingesetzt sind! Dessen ungeachtet erweist sich das Bauwerk gefestigt: Die zierlichen Säulen, zwischen die das Wort Gottes eingetragen ist in der Gestalt der Abschnittszahlen des Evangeliums (hier: syrische Z.), gleichen die Defizite des Gesamtbaus aus! Seine Stabilität ist vom WORT GOTTES selbst garantiert! Die Evangelisten wissen es.


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