Das älteste der überlieferten Evangelienbücher, das mit Illustrationen geschmückt ist, entstand im syrischen Mesopotamien, das Rabbula-Evangeliar. Seine erste Seite widmet es dem Bild einer Apostelkonferenz in lebendigem Dialog. Sie gilt der Nachwahl eines zwölften Apostels. Nach dem Ausscheiden des Judas aus dem Kollegium der Zwölf suchte es seine 'Vollzahl' wiederherzustellen. Die Anwesenden sind namentlich bezeichnet, die meisten bis heute lesbar - in schwarzer Tinte. In roter Tinte informiert eine Kurzfassung über die Ansprache des Petrus und den Verlauf der Wahl. Das Bild beginnt keine Erzählung, es 'dokumentiert'!
"'Meine Brüder, es muß geschehen, daß einer von den Männern, die mit uns gewesen sind in der Zeit, in der unser Herr Jesus ein- und ausging unter uns, mit uns zum Zeugen seiner Auferstehung bestellt wird.' Und sie bezeichneten Zwei: Josef, den Sohn des Saba, auch Justus genannt, und Matthias. Sie beteten und sagten: 'Du, Herr, kennst die Herzen aller. Zeige, welchen von diesen beiden du erwählt hast.' Und sie warfen das Los, und es fiel auf Matthias. Und er wurde den elf Aposteln zugezählt." (vgl. Apg 1,15-26)
Die Miniatur - 587 fertiggestellt - überliefert das in seiner Zeit lebendige Bewußtsein von dem Dienst, dem das von Jesus selbst berufene Apostelkollegium sich verpflichtetet sah: Es selbst muß 'vollständig' bleiben, um seinen Dienst 'vollständig' erfüllen zu können - das Zeugnis der Auferstehung Jesu Christi. Nichts von der Grundsubstanz der Botschaft Jesu darf verlorengehen. Das Zeugnis, das in der Zwölfzahl des Apostelkollegiums liegt, heißt: Gottes Liebe ist allen Völkern geschenkt, nicht nur Israel, dem Volk der zwölf Stämme. - Es scheint: Die einleitenden Bilder in dem von Rabbula geschriebenen Evangelienbuch vermitteln, was bei der Überlieferung der Botschaft Jesu zu wahren ist und wie sie zu hüten sei. Wesentlich zu diesem Dienst gehört die Überlieferung des Evangeliums.


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