Weshalb schmückt ein Bild des heiligen Hieronymus den Eingang des Evangelienbuchs, wenn dieses reich geschmückte Evangeliar - wie viele andere - nicht ein einziges Bild zur Illustration des Evangeliums selbst enthält? Hieronymus ist Diener des Evangeliums in der Gemeinschaft und Einheit der Kirche. Er ist die Autorität, der die lateinischsprachige Kirche die lateinische Übersetzung der gesamten Bibel verdankt, die Vulgata. Mehr als ein Jahrtausend war sie der allgemein gebräuchliche Text.
Die Miniatur macht Hieronymus als Priester, als Heiligen, als Gelehrten, als Gottesdiener und als Visionär kenntlich. Im Eingangsbereich einer Kirche sitzt er - er arbeitet für sie. In strahlendem Gold leuchtet ihr Innenraum, ihr Licht symbolisiert das Licht, dem der Gelehrte seine Erkenntnis verdankt: Es kommt von Gott. Das Bilddetail seines Blicks befremdet den heutigen Betrachter, um die Wende des ersten Jahrtausends kennzeichnen einige Handschriften in dieser Weise einen Visionär. Der Blick besagt, daß der Verfasser die heiligen Schriften nicht nur als herausragender Gelehrter, sondern auch als großer geistlicher Lehrer übersetzt hat. Hieronymus wird von Schreibern unterstützt, er selbst ist ausgerüstet mit Gerät, das ein Korrektor bei der Durchsicht geschriebener Texte braucht.
Jede Abschrift des Evangeliums informierte in Vorworten über den Übersetzer ins Lateinische, und dieser - Hieronymus - gab Rechenschaft über seinen kirchlichen Auftrag zur Übersetzung und über seine wissenschaftliche Arbeitsweise. Der Benutzer sollte wissen, daß er das Wort Gottes aus einem zuverlässig übersetzten Text las.
Im Bild des heiligen Hieronymus ist also am Beginn des Evangeliums der maßgebliche lateinische Zeuge geehrt, dem sich das Evangelium in größtmöglich getreuer Übersetzung verdankt. Auch durch ihn, den Übersetzer, spricht Gott.


Hauptseite    voriger Kalendertag    nächster Kalendertag    letzter Kalendertag