Im Kaiserevangeliar Ottos III. zeichnen feierlich-sakrale Portale den Beginn der vier Evangelien aus. Zweifellos orientieren sie sich an alttestamentlichen Schriftworten. Die zweigeschossigen Arkaden der gegenüberliegenden Seiten sind aufeinander bezogen und deuten an, daß beide Seiten Gleichwertiges zeigen! In Komposition und Gestalt spiegelbildlich, rahmen sie das Bild des Evangelisten und die Initialbuchstaben seines Evangeliums. Wie selbstverständlich nimmt der Betrachter die schmalen Arkaden vor dem Matthäus-Evangelium als Eingangspforten wahr. Bedeutungsgeber dieses erhabenen Seitenschmucks dürften Gebetstexte adventlicher Gottesdienste und des Kirchweihfestes sein: "Hebet, ihre Tore, eure Häupter, hebt euch, ihr uralten Pforten, und der König der Herrlichkeit zieht ein!" (Ps 24, 7.9). Die Verse dieses Psalms werden den innigen Melodien des "Tauet, ihr Himmel, von oben, regnet herab den Gerechten", in der Meßfeier verbunden (Rorate-Messe), noch am Morgen des Heiligen Abend werden sie gesungen. Wenn die hinreichend bekannte Verwendung dieses und ähnlicher Texte auf das Evangelienbuch übertragen wird, heißt das: Es besteht grundsätzlich kein Unterschied zwischen Gottes Ankunft auf Erden in Jesu Geburt und seinem beständigen Kommen im Wort des Evangeliums. Es gilt, ihm "Tore" zu seinem Eintritt zu bereiten, sie zu "erhöhen", wenn sie der "Herrlichkeit", der Liebe Gottes und seiner Heiligkeit unwürdig sind. Er ist bereit, Wohnung zu nehmen bei uns. In seinem Wort, im Evangelium, will er sich uns offenbaren - ER SELBST, der Mensch geworden ist für uns.


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