Das älteste in der Buchmalerei überlieferte Bild eines schreibenden Evangelisten ist dieses Bild des Purpurcodex von Rossano. Wie in ein Heiligtum zurückgezogen sitzt der Schreiber. Tief beugt er sich über eine Schriftrolle. In weitem Bogen ist sie über seinem Schoß gebreitet -, nirgends liegt sie auf und bietet sich gerade so an, die Schriftzeichen zu empfangen. In Schönschrift malt der Evangelist sie mit einer Tinte in goldenem Gelb: die griechischen Eingangsworte des Markusevangeliums. Er schreibt mit goldenem Federhalter, auch die Tintenfässer sind golden - das Material, das in Gebrauch genommen wird, ist Zeichen höchster Ehrerbietung vor den Worten, die zu schreiben sind.
Der Betrachter soll das Antlitz des Matthäus ganz anschauen können: ein fein gezeichnetes Portrait, das einen fähigen Künstler als Maler verrät. Es spricht von großer geistiger Konzentration, von innerer Sammlung und von Ehrfurcht. Markus ist hingegeben an seine Arbeit. Es scheint, daß schon in diesem frühesten Evangelistenbild eine Antwort auf die Frage angedeutet werden soll, wie denn als Gotteswort bezeichnet werden könne, was doch ein Mensch geschrieben hat. Der geistliche Ort, das Heiligtum, in das die Szene gestellt ist, gibt eine Antwort - im Glauben an die Kraft göttlicher Inspiration. Für dieselbe Antwort hat nachträglich ein anderer Maler eine konkretere Gestalt zu finden versucht: Er ergänzt die Frauengestalt, die Personifikation der göttlichen Weisheit, von der schon im Alten Testament wie von einem lebendigen Wesen die Rede ist. Sie diktiert Markus den Text, führt ihren Finger auf die Zeilen und läßt ihn präzise wissen, was er schreiben soll. Die Augen des Markus ruhen auf dieser Hand. Er gehorcht ihr nicht nur - er sucht ihre Führung wie ein Dürstender.


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