Wie kann der Mensch die Worte Gottes - seine Selbstmitteilung an die Menschen - unverfälscht in eigene menschliche Worte übertragen? Um nichts Geringeres ringt der Verfasser eines Evangeliums. Matthäus ist der erste, der sich zu dieser Aufgabe herausfordern läßt. Sie ist Konsequenz aus Jesu Auftrag an die kleine Gruppe seiner Jünger, das Evangelium in alle Welt zu bringen - allen Völkern.
Der Maler scheint sich in den schreibenden Matthäus hineingedacht zu haben.
In intensives Nachdenken versunken zeigt er ihn, die Augen sprühen vor Geist, dennoch scheint er ratlos, wie er mit seinen Worte das Unfaßliche erfassen und vermitteln solle. Auf einer Ablage an entferntem Platz steht Schreibgerät, Buchdokumente in offener Kiste liegen griffbereit hinter dem Evangelisten. Auf dem Schoß hält er ein Buch geöffnet, in ein weiteres auf dem Pult richtet er seinen Blick - prüfend, staunend - er liest die Eingangsformel des Evangeliums und den Beginn des Stammbaums Jesu Christi, den doch er selbst geschrieben hat! Das Pult, auf dem Matthäus dieses Buch mit Jesu Stammbaum aufgeschlagen hält, macht auf sich aufmerksam mit einem merkwürdig geschwungenen Schaft, der wie lebendig zu Matthäus hinwächst, Zweige zu treiben scheint und unterhalb des Pultes wie zu einem Blütenstand geformt ist. Und die kleine Gestalt eines Menschen, das 'Symbol' des Evangelisten, steht ihm an diesem Pult unmittelbar gegenüber, hält ihm das Buch entgegen, das zu schreiben er berufen ist. Die roten Punkte seines Deckelschmucks kennzeichnen das Buch als Evangelium - als Evangelium der vier Evangelisten!
Der Maler scheint ausdrücken zu wollen, daß sich in unerklärlicher Weise dem Matthäus die Worte aufdrängen, die er als das Evangelium aufzuschreiben hat. Was menschliche Vernunft am Geheimnis dieser Botschaft zu verstehen vermag, klärt Matthäus für sich selbst. Aber das Evangelium wird ihm zugetragen: Seit je her gehört 'der Bote' zu den Trägern des Gotteswortes, den Trägern Seines Thrones (Ez 1).


Hauptseite    voriger Kalendertag    nächster Kalendertag    letzter Kalendertag