Im karolingischen Evangeliar der Dombibliothek Köln zeigt das Evangelistenbild des Johannes den Augenblick, in dem sein Autor mit der Niederschrift des Evangeliums beginnt. In einem Höchstmaß an Konzentration ist seine Aufmerksamkeit auf den Adler gerichtet, das Symbol des Evangelisten, das ihn nicht nur in seinem Auftrag vergewissert, das Evangelium zu schreiben, sondern den Text herbeiträgt. Die offene Schriftrolle in seinen Klauen offenbart, was dem Evangelium an dieser Stelle einzufügen ist. Auf dem Pult zur Linken des Johannes liegt ein Buch, dessen aufgeschlagene Seiten mit der Formel beschrieben sind, die des Johannes Evangelienbericht ankündigt. Auf Johannes' Schoß sind Blätter aufgeschlagen, die die Anfangsworte seines Evangeliums zeigen, auf einem Tisch zur Rechten des Schreibers stehen Tintenfässer bereit. Gerade will Johannes die Feder eintauchen, um im Schreiben des Textes auf seinem Schoß fortzufahren. Der Adler, der im Anflug auf das Pult den Text 'einfliegt', macht deutlich, daß nicht Johannes als Autor gelten kann, sondern der Urheber des Evangeliums, des Gotteswortes, Gott selbst ist.
Die innere Bewegung des Evangelisten drückt der Maler als intensive Tätigkeit zwischen den zwei Pulten und im bewegten Faltenreichtum des Gewandes aus. Doch überwiegt die Ruhe in Johannes. Sein Blick hängt an der 'Gestalt' des Wesens, das ihn zu schreiben inspiriert. Er sieht nicht nur sein Evangelistensymbol, das 'Medium', das ihm die Botschaft 'überbringt' -, fest und prüfend blickt er dem Boten aus der Höhe ins Auge - und dient ihm.
Die Landschaftskulisse im Hintergrund untermalt harmonisch die Einheit von abgeklärter Ruhe und dynamischer Bewegung, die 'von oben' über den Schreiber ausgebreitet wird.


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