Einzigartig baut das Gerresheimer Evangeliar die Eingangsseiten zum Evangelium des Johannes auf: Es stellt dem Bild des schreibenden Evangelisten ein noch größeres Bild der Kreuzigung gegenüber. Während Johannes die Feder mit der Hand in das Tintenfaß taucht, schauen seine weit geöffneten Augen über das Pult hinweg auch auf die Kreuzigungsszene der gegenüberliegenden Seite. Dort steht er mit Maria, der Mutter Jesu, selbst unter dem Kreuz, er wird Zeuge des Sterbens Jesu, des großen Gotteslehrers, des geliebten Freundes. Im Angesicht des Kreuzes schreibt er. Im Angesicht des Kreuzes vergegenwärtigt sich ihm Jesu Gemeinschaft im Kreise der Apostel. Im Angesicht des Kreuzes klärt sich ihm das Geheimnis des Messias. Der Maler setzt diese Erinnerung, die Vertiefung des Johannes in Jesu Botschaft und in das Wesen seiner Person in 'Nähe' um. Er ahnt, von welchem Zeugen des Lebens Jesu das letzte Evangelium geschenkt ist. Und auch der Leser soll es ahnen dürfen.
Allein Johannes wird in diesem Evangelienbuch mit einem Schreibgerät gezeigt. Sein Bild läßt dennoch offen, ob er sein Buch zu einer letzten Durchsicht des Geschriebenen öffnet oder es nicht ebenfalls zum Lesen anbietet - zum Betrachter hin. Sein Antlitz spricht vom Wissen um das Unfaßliche der Gottesbotschaft. Ungeschmälert überliefert er ihr WORT in seinem Evangelium. Sein Thema ist die Liebe Gottes, des Allmächtigen, Erhabenen - zum Menschen, seinem sündig gewordenen Geschöpf. Sie ließ ihn nicht mehr los, seit er Jünger Jesu wurde -, seit er mit Maria, Jesu Mutter, unter dem Kreuz des Sterbenden stand.
In höchster Konzentration sitzt er auf seinem Platz. Unbeirrbar führt er aus, wozu er berufen ist. Er fand Halt unter seinen 'Füßen'.


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